Interview mit Christian Herz

Endlich geht es weiter mit meiner Serie von Interviews mit Sportlerinnen und Sportlern aus verschiedenen Sportarten. Dabei geht es um die eigene Persönlichkeitsentwicklung durch ihren Sport, um ihre Erfahrungen als Jugendliche, die weitere sportliche Laufbahn, mentale Strategien und um Tipps und Ideen für die Arbeit mit Jugendlichen.

Christian Herz

Christian Herz ist Handballer beim TEAM HandbALL (Augustdorf, Lemgo, Lippe), dem Unterbau vom Bundesligisten und aktuellem DHB-Pokalsieger TBV Lemgo. Das Drittliga-Team wird trainiert von Matthias Struck, der gleichzeitig Co-Trainer von Florian Kehrmann beim Bundesligisten ist. Aktuell steht das junge Team von Rückraumspieler Christian Herz auf dem 6. Tabellenplatz der 3. Liga – Staffel B.

Christian Herz begann seine Laufbahn mit fünf Jahren bei den SFN Vechta, obwohl er es zu Hause auf dem Sofa „auch sehr gemütlich fand“. 🙂 Sein Kumpel Timon Schröder überzeugte ihn dann doch vom ersten Training. Über die Stationen TSV Quakenbrück und HSG Barnstorf-Diepholz empfahl sich Christian für die HVN-Auswahl. Das Handball spielen wurde immer intensiver und ambitionierter betrieben. So klopfte der TBV Lemgo ausgerechnet während eines einmonatigen Aufenthaltes in Phoenix/USA an. Nach reiflicher Überlegung entschloss sich Christian den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu gehen und wechselte mit 16 Jahren in die Jugend des TBV Lemgo. Über die A-Jugend Bundesliga empfahl er sich als einer von drei Spielern für einen Vertrag beim Team HandALL in der 3. Liga. Dort steht er noch bis zum Sommer 2023 unter Vertrag.

8 Tore im Liga-Spiel gegen den ATSV Habenhausen

Interview Persönlichkeitsentwicklung & Sport

Hi Christian, ich freue mich sehr, dass du Lust hast, einmal von deinem Handballer-Leben zu erzählen.

Magst du dich einmal kurz vorstellen, wer du bist und was du in deinem Alltag machst?

Mein Name ist Christian Herz, ich bin 20 Jahre alt und komme gebürtig aus Vechta. Seit August 2017 wohne ich bedingt durch den Sport Handball in Lemgo, einer schönen Kleinstadt im nordrhein-westfälischen Lipperland. Aktuell mache ich eine Ausbildung zum Kaufmann für Marketingkommunikation bei den Stadtwerken Lemgo und spiele parallel dazu im linken Rückraum für das TEAM HandbALL Lippe in der 3. Bundesliga.

Team HandbALL Lippe Saison 2021/2022

In welchem Alter und wie bist du zum Handball gekommen?

Ich spiele seit meinem fünften Lebensjahr Handball. Der SFN Vechta war mein erster Verein und dort habe ich alle Grundlagen erlernt. Dass ich den Weg zum Handball gefunden habe, ist allein meinem besten Freund Timon Schröder zu verdanken. Der musste mich nämlich vor vielen Jahren lange überreden, damit ich mal mit zum Training mitkomme. Seitdem habe ich nie wieder aufgehört und bin sehr froh, dass ich zu meinem Glück „gezwungen“ wurde. 🙂

Was waren deine tollsten Erlebnisse beim Handball als Jugendlicher und bei den Herren?

Wenn man auf die Zeit vor dem Wechsel nach Ostwestfalen schaut, denke ich sehr gerne und voller Stolz auf mein zweites Jahr in der C-Jugend zurück (Saison 2015/2016). Damals bin ich noch für HSG Barnstorf-Diepholz unter Heiner Thiemann aufgelaufen. Mit einer starken Teamleistung haben wir in der Oberliga-Staffel kein Spiel verloren und sind Meister geworden. Zudem wurde ich in dem Jahr mit über 200 Toren Torschützenkönig der Saison.

Im Lemgo-Dress denke ich gerne an wichtige Siege mit stark dezimiertem Kader in Dormagen und Essen zurück. Zudem war ein schöner Erfolg als wir vor heimischer Kulisse in Lemgo in meiner A-Jugend Zeit den „Echt Lippsk Cup“ gewonnen haben und uns gegen Kiel, Potsdam und Nettelstedt durchsetzen konnten.

Am prägendsten und aufregendsten jedoch waren meine ersten Einsätze (immer als jüngerer Jahrgang) in der A-Jugend-Bundesliga auswärts in Gummersbach und in der 3. Bundesliga auswärts in Schalksmühle, wo ich dann auch jeweils direkt meine ersten Tore werfen konnte. Und vor allem habe ich es sehr genossen, als ich das erste Mal im Kader in der 1. Bundesliga in heimischer Kulisse in Lipperlandhalle/ Phoenix Contact Arena gegen GWD Minden stand. Zweimal zuvor war ich schon in der Wintervorbereitung bei einem Turnier für den TBV aufgelaufen und habe gegen den dänischen Erstliga-Meister GOG Håndbold zwei Tore erzielen können.

Neben allen sportlichen Aspekten bin ich besonders stolz darauf, viele wirklich enge und anhaltende Freundschaften durch den Sport geknüpft zu haben. Viele Grüße dabei gehen vor allem raus an: Timon, Henning, Borni, Kuba, Thore und Pumba!!

Wichtig ist mir zu sagen, dass keins dieser Highlights oder ein Schritt in meiner Entwicklung in diesem Sport ohne die uneingeschränkte und liebevolle Unterstützung (in ALLEN Bereichen: Sei es Zeit, Rat, tiefgründige Gespräche oder auch den Sohn und den Bruder mit 16 „gehen zu lassen“) meiner Familie möglich (gewesen) wäre. Hierfür ist der Dank nicht in Worte zu fassen!

Mit der A-Jugend des TBV Lemgo

Gibt es einen Misserfolg oder eine Niederlage in deiner Laufbahn, durch die du im Nachhinein einiges gelernt hast?

Leider ist man bekanntlich erst nach verlorenen Spielen und unangenehmen Situationen im Sport schlauer. Somit gibt es in meiner „Karriere“ viele Misserfolge, Niederlagen und doofe Situationen. Am meisten konnte man aber im Laufe der Jahre aus vielen Fehlern lernen, die man selbst im Spiel gemacht hat und die dann durch Video-Analysen und Gesprächen mit den Offiziellen und/oder engen Vertrauten sowie der Familie aufgefallen und oft und lang besprochen worden sind.

Sehr schmerzhaft war u. a. das Ausscheiden aus dem Wettbewerb der deutschen Meisterschaft in meinem ersten Jahr in Lemgo.

Man lernt zwar nie aus, aber es ist entscheidend immer weiterzumachen, und nicht an Fehlern zu verzweifeln. Man kann die Situationen vor allem im Sport nicht ändern.

Was hast du für deine eigene persönliche Entwicklung beim Handball gelernt?

Ich denke, das sportliche Umfeld in Lemgo hat mir sehr viel vermittelt im Laufe der letzten 4 Jahre. In der Halle wird ein hohes Maß an Disziplin, Leistungsbereitschaft, intrinsischer Motivation, Hingabe und bedingungsloser Einsatz gefordert. Außerhalb des Handballs wurden/werden vor allem durch das eigenständige Wohnen in einer Wohngemeinschaft (mit drei anderen Jungs – alle Handballer aus meinem Team) sehr wichtige Werte, wie Organisation, Ordnung und Selbstständigkeit vermittelt und eingefordert. Seitdem ich 16 bin, wasche, putze, koche und kaufe ich selbst ein und bringe den Alltag – Schule/Arbeit kombiniert mit dem Handball – an 7 Tagen in der Woche unter einen Hut.

Auch in der Abwehr gefordert: Christian Herz

Wie sieht eine typische (Trainings-)Woche bei dir aus?

Natürlich sieht jede Woche etwas anders aus. Dabei kommt es darauf an, ob gerade eine Saison läuft oder ob Winter- oder Sommerpause ist. Gerne kann ich aber diese Woche als Beispiel beschreiben (10.01.-16.01.2022):

Montag:

  • 07:00-16:30 Ausbildung bei den Stadtwerken Lemgo (inkl. 30 Minuten Pause)
  • 18:30-21:30 Krafttraining + Hallentraining mit der Mannschaft

Dienstag:

  • 07:00-16:30 Ausbildung bei den Stadtwerken Lemgo (inkl. 30 Min. Pause)
  • 18:30-20:00 Hallentraining mit der Mannschaft

Mittwoch:

  • 08:00-13:00 Berufsschule am Carl-Severing-Berufskolleg in Bielefeld
  • 14:15-16:30 Ausbildung bei den Stadtwerken Lemgo
  • 17:00-19:00 Hallentraining mit der Mannschaft

Donnerstag:

  • 07:00-16:30 Ausbildung bei den Stadtwerken Lemgo (inkl. 30 Min. Pause)
  • 17:00-19:00 Hallentraining mit der Mannschaft

Freitag:

  • 08:00-13:00 Berufsschule am Carl-Severing-Berufskolleg in Bielefeld
  • 17:45-18:30 Videoanalyse des kommenden Gegners mit der Mannschaft
  • 18:30-20:00 Abschlusstraining

Samstag:

  • 16:00 Treffen in der Halle
  • 18:00 Heimspiel (Derby)

Sonntag:

  • Frei

Außerhalb der Saison und an den wenigen spielfreien Wochenenden innerhalb der Saison verbringe ich die Zeit in meiner Heimat.

Was sind deine nächsten Ziele beim Handball und worauf freust du dich aktuell besonders?

Das nächste „größere“ Ziel, welches für uns und für mich im Fokus steht, ist, dass wir uns bis Ende April für die Pokalrunde in unserem Spielmodus und der Liga qualifizieren (=Direkte Qualifizierung der Klasse 3. Bundesliga für die nächste Saison sowie ausspielen des Pokals). Dafür müssen wir nach Hin- und Rückspielserie in der Liga auf Platz 1-6 stehen. Aktuell steht es gut um uns. Wir haben auf dem sechsten Platz mit 17 Punkten plus überwintert. Dabei ist zu beachten, dass Platz 7 nur 12 Punkte hat und die Plätze 2-5 mit 18 Punkten aufgestellt sind. Daher ist nach oben alles sehr eng und nach „unten“ vorübergehend ein schmales, aber legitimes Polster. Zudem möchte ich weiterhin wichtige Akzente und Anteile im Angriff und der Abwehr setzen und erhalten sowie mich persönlich immer weiterentwickeln.

Aktuell und kurzfristig freue ich mich auf das Spiel am kommenden Samstag gegen TUS Spenge. Dies ist nicht nur das erste Spiel im Jahr 2022, sondern auch ein heißes Derby vor heimischer Kulisse und unseren großartigen Fans, die immer für eine laute Atmosphäre sorgen.

Welche Gewohnheiten und Routinen helfen dir, deinen Sport fokussiert und erfolgreich auszuüben?

Ich glaube das Wichtigste und Hilfreichste für mich in meinem Spiel und generell in der Sportart Handball ist das Teamgefüge und die Chemie zwischen den Jungs. Das bringt nicht nur die nötige Lockerheit und den Spaß in das Spiel, sondern auch eine essenzielle Sicherheit.

Meine Routine hauptsächlich an (Heim-)Spieltagen besteht aus einem Mittagessen in dem Kooperations-Restaurant vom TBV Lemgo, dem Café Vielfalt, mitten in der Innenstadt in Lemgo. Danach wird sorgfältig die Tasche gepackt und anschließend Richtung WINEO-Arena aufgebrochen. Dort angekommen gibt es einen Kaffee. Anschließend erfolgt der „Besuch zum Tapen der Fußgelenke“ bei unserem Physiotherapeuten und das Umziehen in der Kabine. Und dann geht es auch schon los.

Nutzt du mentale Strategien, um deine optimale Leistung zu bringen? Wenn ja, magst du zwei, drei davon erzählen?

Ich muss ehrlich sagen und gestehen, dass ich mit dem Thema Mentalcoaching und entwickeln von mentalen Strategien noch nicht häufig in Kontakt gekommen bin. Die wichtigen Bausteine für eine optimale und konstante Leistung sind für mich: Regeneration (guter und ausreichender Schlaf), bewusste Ernährung und die Ablenkung durch andere wichtige Dinge. Gerne schalte ich vor Spieltagen in ruhiger und vertrauter Umgebung mit meiner Freundin, meinen Freunden und/oder bestenfalls Familie ab und denke ein paar Stunden nicht an den Sport und auch nicht an viele andere Dinge. Besonders schön ist es natürlich, an Spieltagen, an denen wir auswärts spielen und der Spielort von Vechta schneller zu erreichen ist, als aus Lemgo, im Bett in Vechta aufzuwachen (dann fahre ich oft schon nach dem Abschlusstraining Richtung Heimat). Die Anreise zu den Spielen erfolgt dann (nach Absprache mit dem Trainer) selbstständig bzw. im „Papa-Mobil“.

Vor jedem Training und besonders an Spieltagen liegt immer ein hoher Fokus und die Konzentration in der Luft, sodass man wenig an andere Dinge denkt. Zudem „heizen“ wir uns mannschaftsintern nach dem Abschlusstraining und vor dem Spiel immer nochmal richtig auf.

Welchen Tipp würdest du Jugendlichen im Sport gerne mitgeben und welchen Ratschlag sollten sie auf jeden Fall ignorieren?

Mein Tipp an Kinder und Jugendliche im Handball kann es nur sein immer fleißig an sich zu arbeiten, den Sport mit einer ordentlichen Portion Spaß zu betreiben und gerne auch mal über den „Tellerrand“ hinauszuschauen.

Ignoriert auf jeden Fall den Ratschlag: „Mach das, weil es alle machen!“ Mach das, was du willst, kannst und woran du glaubst.

Freude über 2 Punkte

Welches Buch würdest du jungen Sportler:innen empfehlen?

In aller Ehrlichkeit muss ich gestehen, dass ich lange vom Lesen in Büchern als Freizeitbeschäftigung nicht viel gehalten habe (bzw. es einfach nicht gemacht habe). Erst vor Kurzem habe ich damit angefangen und meine Begeisterung fürs Lesen (vorübergehend) entdeckt. Nichtsdestotrotz sollten für jeden, der sich für das Konstrukt Handball in Deutschland in vielen Ebenen interessiert, lohnenswerte Bücher sein: „Hölleluja-Stefan Kretzschmar“ und „Hanning.Macht.Handball-Bob Hanning.“ Aktuell lese ich das Buch „The Great Nowitzki“.

Was würdest du dir für die Arbeit mit Jugendlichen in den Vereinen und für den Sportunterricht an Schulen wünschen?

Abgesehen von der Arbeit in den Leistungszentren würde ich mir vor allem in vielen Vereinen eine bessere, gezieltere und deutlich breiter aufgestellte Jugendarbeit mit vorstellbaren, aber herausfordernden Ambitionen im Handball wünschen. Diese sollte zudem zukunftsfähig und lang andauernd sein, damit etwas für die Zukunft getan wird. Teil davon kann es sein, dass „altbewährte“ und veraltete Strukturen aufgebrochen und überholt werden.

In der Schule sollten vermehrt Handball-Arbeitsgemeinschaften angeboten werden.

Alle Vorstellungen und Wünsche sind u.a. als Theorie meinerseits zu betrachten, jedoch aber auf viele Erfahrungswerte zurückzuführen.

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Vielen Dank für deine Zeit und Aufmerksamkeit, Elle! Es hat mir großen Spaß gemacht und mich riesig gefreut, dass du an mich gedacht hast! J

Viele Grüße aus Lemgo, Christian Herz

Ihr braucht noch mehr Sport-Inspirationen:

Dann schaut Euch zum Beispiel das Interview von Luca Vodde (Handballerin bei den Handball-Damen des Drittligisten SFN Vechta), von Dressur-Reiterin und Olympia-Siegerin Kristina Bröring-Sprehe oder von Top-Läuferin Kathi Stark vom VfL Wolfsburg an.

Oder Einblicke in Sportmentaltraining:

Schaut euch gerne den Bericht über Sportmentaltraining an oder lest das Interview mit Sportmentaltrainerin Madeleine Ullrich.

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